Die Maisonne spiegelt sich im kristallklaren Wasser des Alatsees. Aber niemand aus der kleinen Gruppe, die sich schwer bepackt mit wissenschaftlichen Gerät und in voller Tauchermontur auf das Seeufer zu bewegt, hat einen Blick für die malerische Bergkulisse des Allgäus mit ihren sattgrünen Wiesen. Auch die Schilder „Tauchen verboten“ ignorieren die Wissenschaftler um Professor Franz Brümmer. Die Stimmung ist angespannt. Ihr Ziel ist es, an einen Ort vorzustoßen, den noch kein Mensch zuvor betreten hat – und das mitten in Deutschland.
Dieser Film entstand unter anderem mit Multitec Equipment.
Unterwasserkameramann war Sigi Braun.
Der vorläufige Sendetermin ist am 20.Jan.2005 19.00 Uhr auf Arte
Danach durchläuft er sämtliche Regionalprogr.des ARD
Denn in nur 15 Meter Tiefe lauert im Alatsee etwas, das mit der Bergidylle nichts zu tun hat. Etwas, das die Haut verätzt. Etwas, das das Wasser blutrot färbt. Kein Wunder, das sich um den Alatsee Sagen und Mythen ranken. Nur 10 Kilometer westlich von Füssen gelegen, gilt er seit keltischer Zeit als „Urtrichter des Weltgeschehens“. Immer wieder wurden Menschen von Geistern ins Wasser gelockt und kamen nie zurück, berichten alten Quellen. Und bis heute glauben manche, der See laufe in der Tiefe wie eine Sanduhr zusammen, um sich noch tiefer in unendlichen Labyrinthen und Tunneln als direkter Zugang zur Unterwelt zu verlieren. Der „blutende See“ ist ein Ort, den die Einheimischen immer gefürchtet haben. Denn alle paar Jahre färbt das Böse aus der Tiefe auch die Wasseroberfläche blutrot!
Franz Brümmer von der Uni Stuttgart, eine der biologischen Koryphäen Deutschlands, lässt der Alatsee seit fünf Jahren nicht mehr los. Inzwischen weiß er, warum der See „blutet“. Aber warum am Alatsee alles anders ist, weiß er noch nicht. Verursacher sind, soviel steht fest, Bakterien. Sie bilden die dickste lebende Schwefelschicht Europas: Eine wabernde, rosafarbene, giftige Brühe. Um diese Schicht zu erforschen und sie zu durchtauchen hat Prof. Brümmer eine gewaltige Maschinerie in Gang gesetzt. Direkt zwischen den Allgäuer Kühen ist in Zelten ein mobiles Feldlabor aufgebaut. Eine eigene Arbeitsgruppe untersucht rund um die Uhr Flachwasser- und Uferzonen. Viele Proben müssen vor Ort ausgewertet werden. Ein tonnenschwerer ROW, ein Unterwasserroboter von der Uni München wartet auf seinen Einsatz. Daneben liegen, geformt wie Torpedos, meterlange Hochgeschwindkeits-Scooter, mit denen die Taucher bis zu 20 Kilometer schnell durchs Wasser gezogen werden können.
Der Abstieg in die Tiefe beginnt spektakulär. Ein Meter-Hecht kreuzt den Weg der Taucher. Schleien und Karpfen lassen sich durch die Eindringlinge nicht stören. Das jahrelange Tauverbot hat ein Unterwasserparadies erschaffen, wie es in Deutschland seinesgleichen sucht. Doch als die Männer die Schicht erreichen, wird alles anders. Jede Bewegung wirbelt riesige rosa Schwaden auf. Sekunden später versinken die Taucher in weißem Nebel. Unten und Oben ist kaum mehr zu unterscheiden. Nur die aufsteigenden Luftblasen geben Orientierung. Immer wieder reiben sich die Männer die Haut an den freiliegenden Stellen. Es brennt wie Feuer. Silberringe und Kettchen, ja sogar die Bleigewichte verfärben sich. Als die Panik zunimmt, bricht Franz Brümmer den Tauchgang ab. Er kennt diese erste Reaktion. Selbst erfahrene Wissenschaftstaucher, die in der Antarktis oder in Höhlen unter extremen Bedingungen geforscht haben, müssen sich erst an den Alatsee und seine Tücken gewöhnen.
Ein paar Kilometer weiter hämmert der Paläontologe Wolfgang Leinfelder von der Uni München eifrig auf eine verwitterte Steilwand ein. Er vermutet in den Gipsschichten, den sogenannten Raiblerschichten, die rund um Füssen liegen, die Ursache des Naturphänomens im Alatsee. Sie setzen ständig Sulfat ins Wasser frei, das die Bakterien dann in Energie umwandeln. Seine nächste Station ist eine kleine Kirche, vorsichtig kratzt er eine winzige Schicht Stuck ab. Die Gipsgruben der Umgebung lieferten den Stuck für fast alle Kirchen des Allgäus. Im Labor will er seine Zusammensetzung auswerten, um Rückschlüsse auf die Schicht im Alatsee zu ziehen. Die Bakterien sind eine Art lebende Vorstufe. Aber alle Versuche ihre DNA zu isolieren, sind bis jetzt gescheitert. Und warum die Schicht so dicht ist, weiß man auch nicht. Man weiß nur: Die Bakterienschicht verhindert die Umwälzung des Wassers. Der Alatsee ist somit ein meromiktischer See – davon gibt es in Europa nur eine Handvoll. Es sind somit drei getrennte Lebensbereich: Bis 15 Meter Tiefe ist es ein normaler See mit einer einzigartigen Flora und Fauna. Dann kommt die Schwefelschicht. Und darunter?
Als die Crew den Unterwasserroboter vorbereitet, werden die zahlreichen einheimischen Zuschauer unruhig. Am Grund des See vermuten nicht nur sie nämlich auch andere, wertvollere Geheimnisse als Bakterien. Seit 1945 reißen die Gerüchte nicht ab, dass der Alatsee ein Versteck der Goldvorräte Adolf Hitlers wurde. Von 1942 an war hier ein streng geheimes Versuchsgelände der Nationalsozialisten. Kein Einheimischer durfte die Serpentinenstraße befahren, geschweige denn den Trichter betreten, außer einiger weniger wie Anna-Maria Klausner die heute trotz ihrer 82 Jahre an den See gekommen ist . Sie war in dieser Zeit Privatsekretärin von Werner von Braun und blieb nach Kriegsende hier. Sie weiß um die Funktion der seltsamen Metallgestelle, die bis heute im See liegen:
Es sind Torpedoabschußrampen. Hier führte Werner von Braun geheime Versuche für die deutsche U-Boot-Flotte durch. Der am Alatsee entwickelte Torpedo, kam glücklicherweise nicht mehr zum Einsatz. Er war von Präzision und Reichweite her seiner Zeit so weit voraus, dass die USA nach 1945 auf diese Forschungsergebnisse zurückgriffen. Und von hier aus verhalf Anna-Maria Klausner auch von Braun zur Flucht nach Österreich. Kurz danach erzählt sie, seien diese drei eisernen Kisten aufgetaucht und plötzlich wieder verschwanden. Dutzende von Tauchern starben nach 1945 bei dem Versuch die Truhen mit dem mutmaßlichen Schatz zu finden. Immer noch flammt am See wieder das Goldfieber auf, auch
wenn nur Waffen, Nazi-Embleme und wissenschaftliches Gerät geborgen wurde. Nach mehreren Tauchunfälle sprach die Stadt Füssen dann ein absolutes Tauchverbot aus.
Bei Einbruch der Dunkelheit, ziehen sich die Wissenschaftler erschöpft in das kleine Ausflugshotel zurück, dem einzigen Haus am See - in die Zimmer, in denen schon Werner von Braun übernachtet hat. Wären sie ums Haus gelaufen, hätten Sie die zugewachsene Überreste der alten Baracken ihrer Vorgänger gesehen.
Und als der Vollmond hoch über dem See steht, tauchen am Ufer wieder Menschen auf. Stefan Nigbur und seine Begleiter kommen aus ganz anderen Gründen an den Alatsee als die Wissenschaftler. Der Esoteriker und Künstler hat hier bei seinem ersten Besuch starke Erdkräfte lokalisiert. Für ihn ist es ein „Ort der Kraft“ und deshalb versammeln sich hier „Geomanten“ aus ganz Deutschland. Diese, aus der Antike stammende Bewegung der „Erdweissager“ geht davon aus, das alles in der Natur belebt und von Geist durchdrungen ist.
Geomanten glauben an die Möglichkeit, beispielsweise mit Steinen oder Pflanzen zu kommunizieren, um so zu Tiefenerfahrungen zu kommen, die sich rationaler Wissenschaft entziehen. Immer wieder reisen Stefan Nigbur und seine Gleichgesinnten an, um am Alatsee spirituelle Rituale durchzuführen. Nur so, glauben sie, werde den Menschen wahre Erkenntnis zuteil.
Geweckt von der sanften Melodie einer Panflöte beobachtet Franz Brümmer vom Fenster aus, die Gruppe der Tanzenden, die immer Kreisen und Dreiecke formieren. Am nächsten Morgen umrundet Franz Brümmer mit seinem Münchner Kollegen den See. Eigentlich wollte er nur ihm eine alte, keltische Schlackegrube am Ufer zeigen. Doch bei ihrem Spaziergang entdecken sie zahlreiche Bäume, deren Äste nicht gerade, sondern kreisförmig und in sich gewunden wie Korkenzieher aus den Stämmen wachsen. Sie besprechen die rätselhaften geologischen Dreiecksstrukturen, die im Licht der morgendlichen Maisonne das Landschaftsbild noch deutlicher prägen als sonst und die alle auf den Alatsee zu deuten scheinen. Und Franz Brümmer erzählt dem Kollegen von einem alten fast 130 Jahre alten Buch, den „Allgäuer Sagen“ das er vor kurzem in der Originalausgabe entdeckt hat. Die Geschichte vom Butzemann, der im Wasser wohnt und kleine Kinder in die Tiefe zieht, hat ihn besonders fasziniert. Ein Schrei lässt die beiden Professoren plötzlich zusammenzucken. Aus dem Wasser kommt ein einzelner Taucher. Der Unterwasserkameramann Siegfried Braun, das wohl erfahrenste Mitglied der Gruppe, war alleine am Rand der Schwefelschicht tauchen. Er hat einen Fisch aufgenommen, der gemächlich durch die angeblich giftigen Schwaden schwimmt. Als er die Bilder sieht, ist Prof. Franz Brümmer wieder einmal ratlos. Wie so oft in fünf Jahren Forschung an dem Allgäuer Bergidyll Alatsee.
REALISIERUNG
Im Juni 2005 startet die erste wissenschaftliche Expedition der Universitäten Stuttgart und München. Eine Exklusivität für ARTE unter Ausschluss anderer Sender wäre garantiert.
Alle Angaben wie die erste Aufnahme eines Fisches in der Schwefelschicht (zufällig gedreht am 20.12.2003), die gewundenen Äste oder die geologischen Dreiecksformationen sind (leider) keine Erfindung des Autors!
Einsetzbares 16mm-SW-Material von Werner von Braun (allerdings nicht aus Füssen) liegt vor. Die Torpedo-Versuche sind nur in Photos belegbar, doch auch hier gibt es zum Thema passendes 16mm- SW-Material.
Fertigstellung bis Anfang August 2004 möglich.
|